Poliomyelitiker und Operation
Autor: Dr. med. Thomas Lehmann Buri Stützpunkt für Poliomyelitiker des Krankenheim Wittighofen, CH-3000 Bern 15
Im Zusammenhang mit einer körperlichen Behinderung, vielfach auch funktionellen sowie strukturellen orthopädischen Problemen, bedürfen Betroffene nach Kinderlähmung eher einer Operation als Nichtbehinderte. Gerade aber im Hinblick auf die Polio-Spätfolgen, mit neuem Muskelschwund und Muskelschwäche, rascherer Ermüdbarkeit/Müdigkeit und nicht zuletzt auch wegen Atemfunktionsstörungen besteht eine begründete, teilweise auch unbegründete Angst vor einer Operation, einer Narkose, der noch immer wieder Negatives nachgesagt wird bzw. nachgesagt werden kann. Für Betroffene mit Poliomyelitis (Spätfolgen) können im wesentlichen drei Punkte der Überlegungen vor einer Operation zugrunde gelegt werden:
- Allgemeine Probleme mit Poliomyelitis
- Probleme im Zusammenhang mit Atemfunktionsstörungen und
- Probleme im Zusammenhang mit der Operation
1. Allgemeine Überlegungen
Betroffene mit einer wesentlichen Lähmung haben eine kleinere Muskelmasse. Die Muskulatur enthält üblicherweise einen großen Anteil des Blutes und bedarf dessen zur normalen Funktion. Ist nun die Muskelmasse vermindert, ist auch das Blutvolumen vermindert und die Betroffenen reagieren auf einen Blutverlust schwerwiegender als Muskelgesunde. Dies bedingt einen vollumfänglichen Blutvolumenersatz während der Operation. Auch wenn viele Betroffene nach Kinderlähmung die geschwundene Muskulatur mit Fettgewebe ersetzt haben und so unter Umständen normale Körperkonturen aufweisen, muss man sich bewußt sein, daß Fettgewebe weniger Gewebsflüssigkeit enthält, sodaß auch in diesem Fall der Flüssigkeitsverlust schneller sichtbar wird. Dabei kann es auch zur Störung des Blutsalzstoffwechsels kommen, vor allem auch zu einem Kaliumverlust, dem auch besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden muß.
2. Atemfunktionsstörungen
Die meisten betäubenden und muskelentspannenden Narkosemittel bewirken eine (zusätzliche) Störung der Atemfunktion. Deshalb ist nicht nur vor und während einer Operation, sondern auch nach einer Narkose eine weitergeführte mechanische Beatmung notwendig, vor allem bei jenen Betroffenen, welche sowohl eine vorbestehend deutliche, aber auch eine bisher unbewußte Atemfunktionsstörung haben. Neben Narkosemitteln können auch Schmerzmittel die Atmung beeinträchtigen und müssen deshalb vorsichtig eingesetzt werden. Dabei ist festzuhalten, daß möglicherweise wegen der verminderten (üblicherweise eben hauptsächlich schmelzenden) Muskelmasse auch die Schmerzen und somit auch die Schmerzmittelverwendung kleiner sein kann.
3. Spezielle Überlegungen
Viele chirurgische Operationen bedürfen einer Intubation (Einführung eines Beatmungsschlauches durch den Mund in die Luftröhre), um die künstliche Beatmung durchzuführen. Die Wiederaufnahme der genügenden Spontanbeatmung nach Entfernung des Beatmungsschlauches ist vielfach problematisch. Dies sollte dem Narkoseteam bewußt sein, und es sollte auch bereit sein, mittels Atemmaske weiter zu beatmen und diese länger beizubehalten, um die noch schwache ungenügende Atmung zu unterstützen.
Besonderer Aufmerksamkeit bedarf die Auswahl der Narkose- und Operationsmedikamente. Allgemein ist es wünschenswert und vielleicht auch möglich, Muskelentspannungsmittel (Muskelrelaxien) zu vermeiden, da die reduzierte Muskelmasse nur eine kleinere, eventuell nicht störende Spannung aufbauen kann.
Im Zusammenhang mit der wegen Kinderlähmung bedingten Veränderungen der Muskelnerven (Motoneurone) ist eine erhöhte Empfindlichkeit der Betroffenen auf diese während der Operation verwendeten Medikamente vorhanden (sogenannte nicht depolarisierende Substanzen). Diese Wirkung wurde auch in eigentlich nicht geschwächten Muskeln beobachtet. Hinweis dafür, daß auch jene Muskeln dem Kinderlähmungsspätfolgenprozess unterworfen sein können.
Unter diesen Gesichtspunkten sollte die Dosierung verringert werden (bei allen in einer Studie untersuchten Medikamenten Tubocurarin, Pancurorium und Gallamin). Dabei ist es sehr interessant, daß die Wirkungsabnahme gemäß kombinierter Untersuchung von Medikamentenkonzentration im Blut und Muskelreaktionen sich nicht von der üblichen Wirkungsabnahme bei Muskelgesunden unterscheidet.
Die Ursache für die erhöhte Empfindlichkeit kann eine verminderte Produktion des Reizübertragungsstoffes zwischen Muskelnerven und Muskel (Acetylcholin, v.a. eines damit verbundenen Enzyms), eine Schädigung des Übergangs vom Muskelnerv auf die Muskelfaser, bedingt durch eine Schädigung der Muskelfaser selbst, oder eine Störung des Empfängers für die Reizübertragungssubstanz sein. Somit kann praktisch doch eine längere „Lähmung" bestehen bleiben, auch bezüglich der Atmung.
Zusammenfassung
Vor einer Operation sollen sich Betroffene mit Poliomyelitis (Spätfolgen) mit ihrem zugeteilten Anästhesisten/Narkosearzt in Verbindung setzen und ihn auf folgende Tatsachen hinweisen:
Eine verminderte Muskelmasse bewirkt ein weniger stabiles Flüssigkeitsgleichgewicht, eine schnellere Kreislaufentgleisung und erfordert eine exaktere Beobachtung von Blut- und Flüssigkeitsverlust, resp. deren Ersatz. In diesem Zusammenhang ist auch das Blutsalz-(v. a. Kalium-) Gleichgewicht zu beobachten.
Wegen der erhöhten Empfindlichkeit auf muskelentspannende Medikamente - wenn diese bei der verringerten Muskelmasse und deshalb geringeren Muskelspannung überhaupt nötig sind - muß eine verstärkte, sich verlängert zeigende Wirkung auf die Muskulatur und die Atmung in Betracht gezogen und dem nach der Operation Rechnung getragen werden.
Meine persönliche Erfahrung hat gezeigt, daß postoperativ das Erscheinungsbild einer relativen Nebennierenstörung/-insuffizienz auftritt. Dem Betroffenen fehlt die allgemeine, auch seelische Spannkraft, der Blutdruck ist tief, er beklagt Übelkeit.
Die Gabe von Cortison und weitere flankierende Maßnahmen bringen wesentliche Besserung und eine Normalisierung des Allgemeinzustandes. Wichtig ist es, in der Folgezeit nach der Operation, schon früh danach und schon während des Spitalaufenthaltes, daß der durch Operation, Schmerzen, evtl. Medikamente bedingten Bewegungsarmut, dem Fehlen des alltäglichen (Muskel-) Trainingseffektes mittels angepaßter Physiotherapie und Bewegungstraining (passiv für Muskeln und Gelenke, aktiv soweit als möglich) entgegengewirkt wird, auch mittels eines Atemübungsprogrammes. Letzteres ist lebensnotwendig für Betroffene mit bestehender oder zunehmender Atemfunktionsstörung. Im übrigen gelten die gemachten Ausführungen auch für Frauen, welche zur Geburt ihres Kindes eines Kaiserschnitts bedürfen.
Literaturangaben
- Gyermek, L.: Increased potency of non depolarizing relaxants after Poliomyelitis, J.Clin. Pharm. 30 (2) 170-172, 1990
- Patrick, J.A.: Peri-operative care in restrictive respiratory disease, Anaesthesia: 390-395, 1990
- Spencer, G.T.:Anaesthesia: Consideration for Polio Survivors Polio Network News 7(4):5, 1991 und
- Bruno R.L.: The knife is not so rough if.... - Preventing complications in polio survivors undsergoing surgery PPS Monograph Series 6(2) Hackensack: Harvest Press 1996
(Deutsche Übersetzung einer Kurzfassung (T.Jupp/Bruno R.L.: Postpolio Newsletter WA 8(2): 8-9 1997) Th. Lehmann FF 5/98)
Quelle: Faire Face 11/92 und Faire Face 5/98
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