Das Post-Polio-Syndrom kommt schleichend...
- Müdigkeit
- Kälteintoleranz
- Atembeschwerden
- Muskelschwund
- Muskelschmerzen
Autor: Dr. Peter Brauer
Der folgende Beitrag soll unter Berücksichtigung der gesamten Poliomyelitisinfektionen orientierend auf die Häufigkeit des Post-Polio-Syndroms in Deutschland hinweisen. Nicht selten werden kausale Bezüge nur mit Blick auf die paralytischen und billigerweise aparalytischen Erkrankungen gesucht, alle anderen Infektionsfolgen dagegen vernachlässigt.
Wer sich mit den anerkannten veröffentlichten Fakten zur Poliomyelitis und zum Post-Polio-Syndrom (PPS) ernsthaft auseinandersetzt, muss zwangsläufig auf die sehr niedrig angesetzten Zahlen zur Häufigkeit des PPS aufmerksam werden. Allgemein fällt die hohe Schwankungsbreite der in der Literatur angegebenen Werte auf (6./8./13./15./18./20./21./23.), was bei der Schwierigkeit der PPS-Diagnostik jedoch nicht ungewöhnlich ist.
Bezogen auf Deutschland finden sich überwiegend Angaben von 30 000 bis 140 000 geschätzten Betroffenen für den gegenwärtigen Zeitpunkt. Eine Hochrechnung aus den Poliomyelitiserkrankungszahlen lässt diese Größenordnung allerdings mehr als zweifelhaft erscheinen, weil die Schätzungen sich nur auf die als Polio-Erkrankung erkannten gemeldeten Fälle beziehen und die uncharakteristischen Verläufe, also die Mehrzahl nicht berücksichtigen.
Die Verlaufsformen der Poliomyelitis werden in der Literatur unterschiedlich gesehen (1./9./10./11./14./16./22./24./25.). Die paralytische Poliomyelitis findet sich einheitlich. Schon die aparalytische Verlaufsform jedoch wird entweder eigenständig betrachtet oder der abortiven zugeordnet. Die asymptomatische Form wird von vielen Autoren gar nicht erwähnt oder mit der abortiven gleichgesetzt. Offen bleibt die Frage, inwieweit die Grenzen gerade in diesem Bereich fließend und deswegen weniger relevant sind. Damit gibt es eine gemischte Grauzone von Verläufen, zu deren klinisch-morphologischem Substrat im Gegensatz zu den paralytischen und teilweise den aparalytischen Abläufen in der Regel keine Aussage existiert. Das aber ist ein entscheidendes Hemmnis für die theoretische Emanzipation des Post-Polio-Syndroms, die eine praktische nach sich ziehen würde.
Für die Hochrechnung der Häufigkeit des Post-Polio-Syndroms in Deutschland wurden die vom Bundesverband Polio e. V. (4.) veröffentlichten Erkrankungszahlen herangezogen, da eine andere Statistik anfangs nicht zur Verfügung stand. Ihre Zahlen liegen niedriger als die von PÖHN und RASCH (19.) ausgewiesenen. Letztere sind vergleichsweise aufgeführt, zumal sie auch einen größeren Zeitraum, der hier wichtig ist, umfassen. Wegen des beabsichtigt richtungsweisenden Charakters dieser ersten Hochrechnung kann hier, auch aus anderen Gründen, auf eine zweite verzichtet werden.
| 1910 bis 1919: | 2 547 Fälle |
| 1920 bis 1929: | 9 042 Fälle |
| 1930 bis 1939: | 26 113 Fälle |
| 1940 bis 1949: | 27 507 Fälle |
| 1950 bis 1959: | 43 803 Fälle |
| 1960 bis 1969: | 14 008 Fälle |
| 1970 bis 1979: | 218 Fälle |
| 1980 bis 1989: | 51 Fälle |
Die Erkrankungsmeldungen umfassen bis 1945 das Gebiet des Deutschen Reiches, ab 1946 die Gebiete der Bundesrepublik Deutschland und der DDR. Für die Jahre 1945 bis 1948 liegen komplett bzw. teilweise keine Meldungen vor. Für den Zeitraum von 1940 bis 1949 ist demzufolge von einer nicht unerheblich größeren Erkrankungszahl auszugehen.
| 1950 bis 1959: | 43 810 Fälle |
| 1960 bis 1969: | 9 810 Fälle |
| 1970 bis 1979: | 210 Fälle |
| 1980 bis 1990: | 54 Fälle |
Als Eckpfeiler der Berechnungsgrundlage ist von Bedeutung, dass keine der abortiven, aparalytischen und paralytischen Verlaufsformen frei von neurogenen Schäden ist und alle Poliomyelitis-Infektionen encephalitisch sind (2./3.).
Da die zur Berechnung herangezogene Meldestatistik das Erkrankungsalter nicht ausweist und die Sterberate der Polio-Überlebenden nicht einbezogen wird, ergibt sich eine durch das Lebensalter bzw. die individuelle Lebenserwartung der Betroffenen bedingte Ungenauigkeit der Näherungsrechnung. Um diese Ungenauigkeit so gering wie möglich zu halten und vernachlässigen zu können, soll hier unter Ausklammerung der vorhergehenden Jahrgänge mit zahlreichen Infektionen lediglich der Zeitraum von 1950 bis 1990 betrachtet werden. In ihm wurden 53 884 Poliomyelitis-Erkrankungen gemeldet (4.).
Sehr wahrscheinlich ist davon auszugehen, dass die aparalytischen (ohne Lähmungen einhergehenden) Fälle zum Teil nicht erfasst und den abortiven (abgeschwächten, ohne poliospezifische Krankheitszeichen verlaufenden) zuzurechnen sind (7.), zum anderen Teil als Poliomyelitis erfasst und zusammen mit den paralytischen (mit Lähmungen verbundenen) in den gemeldeten Erkrankungsfällen enthalten sind. Deshalb lässt sich die Rechnung nur mit von-bis-Werten erstellen.
Da die paralytischen wie die aparalytischen Verlaufsformen nur jeweils etwa 1 Prozent der Infektionen ausmachen - auch hier sind die Literaturangaben unterschiedlich - ist mit einer Gesamtzahl von 2 694 000 bis 5 388 000 Poliomyelitis-Infizierten zu rechnen. Danach belaufen sich die abortiven Fälle mit 98 Prozent auf 2 640 000 bis 5 335 000 Betroffene. Je nach Erfassung der aparalytischen Verlaufsform ist für diese wie auch für die paralytische jeweils von einer Zahl zwischen 27 000 und 54 000 auszugehen.
Das Auftreten von PPS liegt für die paralytischen Fälle mit einem Risiko von etwa 70 Prozent bei 19 000 bis 38 000 Betroffenen und für die aparalytischen Fälle mit einem Risiko von 40 Prozent bei 11 000 bis 22 000 Betroffenen.
Die abortiven Fälle können ebenfalls zum Post-Polio-Syndrom führen (10./17./18.). Unter der Annahme eines Risikos von etwa 20 Prozent läuft das auf eine Zahl von 528 000 bis 1 067 000 Betroffenen hinaus.
Demzufolge ist in Deutschland gegenwärtig noch mit einer PPS-Häufigkeit von insgesamt 558 000 bis 1 105 000 Fällen zu rechnen. So muss also von einer wesentlich höheren Zahl an PPS-Erkrankungen ausgegangen werden als bisher angenommen wurde.
Es gibt in der Literatur die Angabe einer PPS-Erwartbarkeit bei 28 Prozent der Gesamtinfizierten (18.). Sie führt mit 754 000 bis 1 509 000 Betroffenen zu einer ähnlichen Größenordnung.
Die so ermittelte PPS-Häufigkeit dürfte eher höher als niedriger liegen.
Mein Dank gilt Frau Diplom-Geografin Angela Queste für die Unterstützung bei der Beschaffung der Daten zur Meldestatistik für Polioerkrankungen in Deutschland.